Besitz der Wahrheit und ökumenischer Dialog: Gibt es Wege aus diesem Dilemma?
Prof. Dr. Josef Frickel
katholischer Theologe
Es geht mir im l. Teil um das
Problem, wie eine Religionsgemeinschaft, die von sich glaubt, im Besitz der
Wahrheit zu sein, mit anderen religiösen Gemeinschaften ein echtes Gespräch
(Dialog) über Fragen des Glaubens führen kann. Da vorausgesetzt ist, dass es
nur eine Wahrheit gibt, weil es nämlich nur eine Wahrheit geben kann, befindet
sich der Gesprächspartner, der sich im Besitz der Wahrheit weiß, von
vornherein in einer anderen Position als sein Gesprächspartner, bei dem mehr
oder weniger stillschweigend vorausgesetzt wird, dass er nicht im Besitz der
Wahrheit ist, beziehungsweise dass er jedenfalls nicht die ganze oder volle
Wahrheit besitzt. Andererseits soll ein echtes Gespräch, ein echter Dialog,
doch gleichwertige Partner voraussetzen, wo beide Partner gemeinsam auf der
Suche nach Wahrheit sind. Sie wollen die Wahrheit ja erst durch das gemeinsame
Gespräch finden. Wenn aber ein Gesprächspartner die Wahrheit schon kennt, wenn
er die Wahrheit "besitzt", dann ist ein echter Dialog eigentlich nicht
mehr gut möglich. Das ist ein echtes Dilemma. Will man den Dialog nicht
aufgeben, sondern fortsetzen bzw. von neuem beginnen, so wird man in erster
Linie darüber nachdenken müssen, ob es einen oder auch mehrere Wege aus diesem
Dilemma gibt und wie solche Wege beschaffen sein könnten. Das will ich im 2.
Teil meines Referates kurz versuchen.
Teil I
1) Wie bekannt, befinden sich
die christlichen Religionen seit vielen Jahren im interkonfessionellen Dialog.
So in Amerika, in Indien, in Europa und hier besonders im deutschsprachigen und
angelsächsischen Raum, wo die Trennung im christlichen Glauben besonders spürbar
ist. Ebenso gibt es ökumenische Gespräche mit den orthodoxen Kirchen, wie auch
zwischen der Orthodoxen Kirche und den Orientalisch Orthodoxen Kirchen, hier
z.T. mit beachtlichen Ergebnissen. Darüber hinaus gibt es den nicht weniger
bedeutsamen Dialog von christlichen Religionsgemeinschaften mit
nichtchristlichen Religionen, auf den hier jedoch nicht gesondert eingegangen
werden kann.
2) Seit einigen Wochen ist der
ökumenische Dialog in Mitteleuropa in Bewegung geraten. Nicht im Sinne, dass dieser Dialog nun besonders intensiviert würde, vielmehr eher so,
dass dieser
Dialog ins Stocken geraten ist; ja, irgendwie wird der ökumenische Dialog sogar
in Frage gestellt. Eine "Pause für die Ökumene" wird gefordert. Oder
eine "Nachdenkpause". Theologen plädieren für eine
"Neubestimmung der Standorte", und zwar auf beiden Seiten, Woher plötzlich
diese Unsicherheit? Warum wird das ökumenische Gespräch in Frage gestellt? Ist
das Bewußtsein, die Wahrheit zu besitzen und diese bewahren zu müssen, wovon
wir eingangs gesprochen haben, bei einem der Gesprächspartner, nämlich in der
Römisch-Katholischen Kirche, plötzlich verstärkt ins Bewußtsein gerückt, sodass es fragwürdig geworden ist, ob der ökumenische Dialog in der bisher geführten
Weise noch sinnvoll ist? Das scheint in der Tat der Fall zu sein. Man wird nicht
fehlgehen in der Annahme, dass das verstärkte Bewußtsein mit der Wahrheit mit
der wahren Lehre also, von Jesus Christus betraut worden zu sein und für deren
Bewahrung verantwortlich zu sein, mit der jüngst veröffentlichten "Erklärung"
Dominus Jesus der römischen Glaubenskongregation zusammenhängt. Diese von
Kardinal Ratzinger und dem Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre
unterzeichnete Erklärung wurde von Papst Johannes Paul II. kraft seiner
apostolischen Autorität bestätigt und bekräftigt, und ihre Veröffentlichung
angeordnet. In diesem römischen Dokument wird der Führungsanspruch der
katholischen Kirche in Glaubensfragen betont. Kommentare in der Presse sprechen
von der "Vorherrschaft der katholischen Kirche" oder: "Rom hat
gesprochen. Für den Vatikan gibt es nur eine Kirche". Ein Sturm der Entrüstung
über diesen Führungsanspruch der Römischen Kirche rauschte durch den Blätterwald
der Presse (Kleine Zeitung, 7.9. 2000).
3) Heftig waren die Reaktionen.
außerhalb der römischen Kirche. Der Erzbischof von Canterbury (George Garey),
Oberhaupt der anglikanischen Kirche, kritisierte: dieses Papier vernachlässige
drei Jahrzehnte des ökumenischen Dialogs. Für einen prominenten Vertreter der
Evangelischen Kirche Österreichs (Othmar Gering, ehemaliger Seniorpfarrer in
Graz), ist der römische Text ein "Ein schwerer Schlag gegen die anderen
Kirchen, so gegen uns, die Evangelischen, für die Ökumene und auch im
"Dialog der Religionen".
Nach ihm liegt ein Schaden über
der Zusammenarbeit von Christen unterschiedlicher Konfessionen, "wenn Rom
erneut sagt, die Kirchen der Reformation seien nicht Kirchen im eigentlichen
Sinne." "Betroffen und irritiert" äußerte sich auch der Bischof
der evangelischen Kirche in Österreich, Herwig Sturm. Er wolle nicht schroff
replizieren, aber "dieser Alleinvertretungsanspruch, (nämlich) zu sagen,
wir sind die Mutter und ihr (seid) nicht einmal Schwestern", markiere einen
Rückfall. in die vorkonziliare Zeit. Bei aller Betroffenheit könne aber das
Schreiben das gute ökumenische Klima in Österreich nicht zunichte machen.
Nicht weniger kritisch sind die
Stimmen innerhalb der römisch katholischen Kirche. Er verstehe die Enttäuschung
über das neue Dokument aus Rom, sagte Kardinal König, der frühere Erzbischof
von Wien, in einem "Kleine Zeitung Interview (vom 7.9. 2000) auf das
vatikanische Dokument "Dominus Jesus". Der Kardinal sieht in der römischen
Erklärung den "Ausdruck großer Ängstlichkeit". Offenbar seien in
Rom überbesorgte in der Mehrheit. Der Begriff "Universalanspruch" sei
"provozierend (und) ärgerlich..." Es geht aber nicht nur um
Machtanspruch, sondern um einen Dienst, um Demut gegenüber anderen Religionen.
"Auch Kardinal König befürchtet, dass das Schriftstück den Dialog mit
der evangelischen Kirche nicht leichter, sondern schwieriger" mache. Scharf
kritisiert der ehemalige Tübinger Theologe Hans Küng die Erklärung der römischen
Glaubenskongregation, die er für eine "Mischung aus mittelalterlicher Rückständigkeit
und vatikanischem Größenwahn" hält. (Deutsche Presseagentur 6.9.2000).
Das vatikanische Dokument hat
also offensichtlich weniger die Einheit unter Christen gefördert, sondern eher
Zwietracht gesät.
4) Es fehlt allerdings auch
nicht an positiven Wortmeldungen, in erster Linie bei jenen, die dem ökumenischen
Dialog schon bisher mit ziemlicher Zurückhaltung gegenüber standen. So sieht
der Erzbischof von Salzburg, Georg Eder, die genuine Lehre der Kirche von einer
Anpassung an andere Konfessionen bedroht. Unter den Professoren der
katholisch-theologischen Fakultäten der Universitäten (es gibt deren vier in
Österreich) sind "reißende Wölfe" eingedrungen, welche die wahre
Lehre der Kirche seit Jahren unterhöhlten. In einem gerade erst erschienenen
Hirtenbrief mit dem Titel "Ut unum sint" (d.h. Damit sie eins seien)
spricht der Erzbischof von "dieser Stunde der Not" der Kirche. Der
Brief zeugt von angstvoller Sorge um den wahren Glauben, und am Schluß
desselben wird der "Dominus Jesus", der Herr Jesus, angerufen, womit
der Erzbischof explizit den Titel der römischen Erklärung der
Glaubenskongregation zu seinem Leitmotiv macht.
Aufschlussreich ist auch ein
Interview des Bischofs von St. Pölten, Kurt Krenn, das in der letzten Nummer
der Zeitschrift "Profil" (Nr. 48, vom 27.11.2000) erschien. Nach
seiner Meinung wird das Wort Ökumene...- wie so viele andere Worte heute missbräuchlich
verwendet. "Ökumene ist keine Zauberformel". - Und. Dann wörtlich:
"Die beste Zeit für alle wird sein, wenn wir keine Ökumene mehr brauchen.
Entweder leben die Leute (gemeint sind die Christen) dann in einer glücklichen
Identität jedes Glaubens, oder wir haben uns auf die einzige Wahrheit
geeinigt."
Bei dieser Einigung auf
"die einzige Wahrheit" setzt der Bischof freilich zwei Dinge als
selbstverständlich voraus: einmal, dass die Wahrheit der katholischen Kirche
anvertraut ist, und zweitens, dass "die Kirche" daher von der ihr
anvertrauten Wahrheit " sicher nicht abgehen kann. Denn "die Wahrheit
ist ja Wahrheit und kann nicht Verhandlungsgegenstand sein". Wir haben uns
an die Wahrheit zu halten, so, wie sie offenbart ist und wie sie von der Kirche
gelehrt und gelebt wird. Mit dieser klaren Aussage sind wir genau bei der
Position, die ich eingangs skizziert habe: Wer die Wahrheit besitzt und hütet,
bezieht eine völlig andere Position als sein Gesprächspartner: "die
Kirche" will die ihr anvertraute Wahrheit verkünden, der Partner kann
eigentlich nur zuhören, eventuell Fragen stellen, muß sich dann aber
entscheiden, ob er die Wahrheit annimmt oder nicht. Im letzteren Fall mögen
"die Leute dann in ihrer glücklichen Identität jedes Glaubens" leben
oder sie leben nicht in der Wahrheit. Facit: ein wirklicher Dialog, um die
"Wahrheit zu finden, ist eigentlich nicht möglich.
Teil II
l) Wenn wir uns fragen, wie wir
aus diesem Dilemma herausfinden können, so können uns einige Gedanken über
den Dialog weiterhelfen. Denn ohne Dialog gibt es keinen wirklichen geistigen
Fortschritt. Die Polarität zwischen zwei verschiedenen Positionen ist ein
Entwicklungsgesetz, das wir in der Natur vorfinden; bei Mineralen, bei Pflanzen
und auch beim Menschen. Entwicklung findet durch Auseinandersetzung
verschiedener Positionen statt. Was im biologischen Bereich gilt, das gilt erst
recht für den intellektuellen und geistigen Fortschritt. Das gilt nicht nur für
Streitfälle oder Meinungsverschiedenheiten, wo - wie wir heute klarer sehen als
früher- Gewaltlösungen keine wirklichen Lösungen sind und nur neue Konflikte
heraufbeschwören; das gilt für jede Wahrheitsfindung und geistigen Fortschritt
überhaupt. Das klassische Beispiel sind die berühmten Dialoge Platons, die als
Stilmittel in der Philosophie, aber auch in der Theologie vielfach nachgeahmt
wurden.
Im frühen Christentum kennen
wir den großen Dialog des Philosophen und Märtyrers Justin dem Juden Typhon
als Gesprächspartner. Wir haben die Dialoge im "Gastmahl" des
Methodius von Olymp, für deren Anlage wie auch für zahlreiche Einzelheiten
Platons Symposion das Vorbild abgab. Der Theologe und Bischof Gregor von Nyssa
verfasste einen Dialog "Über die Seele und die Auferstehung", sowie
einen weiteren Dialog gegen den astrologischen Fatalismus. Diese kurzen Hinweise
auf einige Schriften früher Kirchenväter, zeigen deutlich wie man gerade in
der Theologie den Dialog als Weg, als Wahrheitsfindung und der geistigen
Bereicherung schätzte.
Echter Dialog ist unverzichtbar.
Zu Recht haben daher mehrere österreichische Bischöfe (Johann Weber, Klaus Küng,
Helmut Krätzl) mit Bezug auf jetzt aufgekommene Unklarheit und Unsicherheit
festgestellt, dass die Bemühungen um Ökumene nicht ausgesetzt werden können
und dürfen. "Das Evangelium auch viele Aussagen gerade unseres jetzigen
Papstes sprechen das klar aus." (Bischof Weber in
"Format"48/2000, Seite44).
2) Ist echter Dialog also
unverzichtbar, so ist zu fragen, was vorausgesetzt werden muß, damit solcher
Dialog wirklich zustande kommt und sich nicht in einem magistralen Monolog verflüchtigt.
Hier ist an erster Stelle der Respekt vor anderen religiösen Überzeugungen zu
nennen. Das bedeutet bei Offenbarungsreligionen zuerst Respekt vor den heiligen
Büchern anderer Religionen. Diese wurden geschrieben, um die Menschen zu
verschiedenen Zeiten und verschiedenen religiösen und kulturellen Situationen
auf den Weg der Gerechtigkeit und der Liebe hinzuführen. Sie sind im Plan der
Vorsehung eine Hilfe, um die Menschen zur Einheit mit dem Schöpfer und zur
Harmonie mit dem Kosmos hinzuführen.
Keine Religion hat das Recht
ihre eigenen heiligen Bücher als von Gott gegeben zu deklarieren und dabei
zugleich die heiligen Schriften anderer Religionen a priori als Menschenwerk zu
deklassieren, die zwar spirituelle Erfahrung und Weisheit enthielten, aber nicht
wirklich inspiriert seien .............. Gottes Geist weht wo er will. Wer
wollte Gottes Geist Grenzen vorschreiben?
Eine weitere Voraussetzung
echten religiösen Dialogs ist der Respekt vor den Propheten, die andere
Religionen als Werkzeug- und Sprachrohr des einen Gottes verehren. Gewiss hat es
im Laufe der Zeiten auch falsche Propheten gegeben. Doch gibt es untrügliche
Zeichen, um wahre von falschen Propheten zu unterscheiden. Auch für Propheten
gilt das Wort: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Wahre
Propheten hatten immer die Aufgabe, die Menschen vom Götzendienst wegzuholen
und den wahren Gott zu verkünden. Diese zentrale Aufgabe haben sie in immer
neuen geschichtlichen und kulturellen Situationen immer wieder neu erfüllt, wie
das Schicksal gerade der Propheten des Alten Testamentes deutlich zeigt. Viele
Propheten hatten bei der Erfüllung ihrer Aufgabe Verfolgung, Gefängnis oder
Verbannung, ja sogar den Tod zu erdulden. Der Respekt erfordert, solche
Blutzeugen als wahre Zeugen Gottes und seines göttlichen Auftrag anzuerkennen,
jedenfalls aber nicht, das Gedenken an solche Propheten gering zu achten. Gerade
Christen sollten die Lehren Jesus von Nazareth im Evangelium immer vor Augen
haben. Dort hören wir von der Unduldsamkeit und dem falschen Eifer der Jünger
Jesu, die einem fremden Heiler verbieten wollten, im Namen Jesu den Menschen
Gutes zu tun, und zwar nur deshalb, weil er ihrem Kreis nicht angehörte. Jesus
dagegen verteidigte den Fremden und sagte, "wer nicht gegen uns ist, der
ist für uns" (vgl. Mk 9,38-4l; Lk 9,49f.). Hier lernen wir, wie wir nicht
handeln sollen und wie echte Toleranz und wahrer Respekt vor dem
Andersglaubenden aussehen sollte.
Manches wäre zu sagen über
theologische Lehren, die im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet wurden. Sicher
genügt es nicht, solche Lehren, die oft unter anderen Denkvoraussetzungen
entstanden sind, einfach zu wiederholen. Nicht weniges wäre neu zu überdenken
und gemäß unserem heutigen postmodernen Denken und Verstehen zu formulieren.
Ein weites Feld für den ökumenischen und interreligiösen Dialog liegt vor
uns. Alle religiösen Menschen sind aufgerufen, aus den Nöten und
Erfordernissen der heutigen Zeit, den Willen Gottes zu erkennen. Gerade in einer
globalisierten Welt will Gott, ut omnes unum sint: dass alle eins seien! In
einer Einheit des Geistes und der Herzen, aber so, dass jeder Mensch und jedes
Volk seine eigene Identität frei leben können.
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