Der Mensch als Hüter und Bewahrer der Schöpfung
Wir verstehen die Familie und die Beziehungen in der Familie als Miniaturausführung der gesellschaftlichen Vorgänge - die Gesellschaft sozusagen als Ausdehnung der Familie. So wie es in der Familie eine horizontale und vertikale Ordnung gibt, gibt es diese Ordnung in allen Beziehungen außerhalb der Kernfamilie (Lehrer - Schüler, Vorgesetzter - Untergebener, Schulkameraden, Arbeitskollegen usw.). Die erfolgreiche und harmonische Gestaltung von Beziehungen in der Familie bildet eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche und harmonische Beziehung außerhaldbdes Familienkreises.
Die Familie schafft somit auch die Grundlage für eine soziale Ethik.
Daraus können wir auch folgern: der Zusammenbruch der Familie, wie wir ihn heute erleben, führt unweigerlich zu sozialen Problemen. (An dieser Stelle fällt mir als aktuelles Beispiel ein, daß das Hauptthema beim französischen Präsidentschaftswahlkampf die zunehmende Gewaltbereitschaft in der französischen Gesellschaft ist).
Zwei Ebenen von Zwecken
Wenn wir uns die Ordnung in der Familie oder auch den Aufbau des menschlichen Körpers betrachten, erkennen wir, daß Ziel und Zweck des Einzelnen darin besteht, neben der Bewahrung seiner Integrität und Unversehrtheit auch einem höheren oder größeren Zweck zu dienen.
Die Zelle existiert, um beim Aufbau und dem Funktionieren eines Organs behilflich zu sein. Ein Organ existiert, um dem gesamten Körper zu dienen. Gleichzeitig sichern sie durch die Art ihrer Funktion ihre eigene Existenz, ihr Wohlbefinden. Für einen höheren Zweck zu existieren und gleichzeitig seine eigene Existenz zu sichern, sind nicht nur keine Widersprüche sondern zwei Ebenen von Zwecken, die sich harmonisch ergänzen und unterstützen.
Erst bei einem groben Ungleichgewicht dieser beiden Ebenen bzw. bei völliger Negierung eines Zweckes auf Kosten des anderen, entwickelt sich ein Zustand, den wir als krankhaft bezeichnen können (Krebs im Körper, ausbeuterische Diktaturen wo für das „Wohl" weniger die Existenz vieler geopfert und vernichtet wird).
In verschiedenen Rollen kompetent sein
Im sozialen Gefüge geht es eben darum, daß wir in verschiedenen Bereichen Kompetenz oder, wie wir auch sagen können, legitime Autorität erwerben.
Einmal als Eltern, die ihren Kindern vor allem den Weg zur Erfahrung von Liebe ebnen können und sollen.
Zum Zweiten als Lehrer, die um die Weitergabe von qualifiziertem Wissen und Kenntnissen bemüht sein sollen - besonders wichtig in einer Zeit in der wir von einer wahren Wissensflut überschwemmt werden, in der es für den einzelnen nicht mehr so einfach ist, nützliches Wissen von letztlich unwichtigen Informationen zu unterscheiden.
Stichwort Schule: Schule nicht nur ein Ort reiner Wissensvermittlung und Institution zur Erwerbung handwerklicher Fähigkeiten sondern Schule als Ort, wo Persönlichkeitsentwicklung gefördert und auf soziale Kompetenz (z. B. konstruktive Konfliktbewältigung, reifer Umgang mit Aggressionen) Wert gelegt wird.
Als Drittes: als Vorgesetzter oder Leiter von Organisationen oder Betrieben und Firmen darauf bedacht sein, daß sowohl innerhalb der Organisation/Firma auf ethische Prinzipien Bedacht genommen wird, wie auch in den Beziehungen nach außen (hier stellt sich die Frage nach unserer Wirtschaftsordnung, die meines Erachtens zu sehr von der Produktion und dem Verkauf oft unnützer, nicht selten schädlicher und kurzlebiger Produkte lebt und profitiert und dabei mehr und mehr gezwungen ist, neue Bedürfnisse bei Menschen zu wecken. Es soll darum gehen, den Menschen durch wirtschaftliche Aktivitäten zu dienen, und nicht, sie über den Tisch zu ziehen.
Der Mensch als Ausgangspunkt der Evolution
Der Mensch ist gestaltender Mittelpunkt dieser Welt, in der alles übrige Leben mehr oder weniger von unseren Entscheidungen und unserem Verhalten abhängt.
Es gibt eine Beobachtung, die schon sehr viele Wissenschaftler verblüfft und in Erstaunen versetzt hat: nämlich, die natürliche Umwelt, nennen wir sie Schöpfung, und der Mensch passen perfekt zusammen. Ein Wissenschaftler formulierte es so:
Beobachtet man diese Welt, so kommt man unweigerlich zu dem Schluß, das die Natur geradezu auf den Menschen gewartet und sich auf seine Eigenart und seine Bedürfnisse eingestellt hat.
Von einem religiösen Standpunkt aus könnte man diese Phänomen auch noch anders deuten:
Der Mensch nicht als zufälliger Endpunkt der Evolution, der so oder möglicherweise auch ganz anders hätte sein können, oder überhaupt nicht hätte entstehen müssen, sondern der Mensch als Anfangs- und Ausgangspunkt des Schöpfungprosses.
Der Mensch sozusagen als Idealtypus, als Blueprint oder Matrix, für den dann eine Welt gefertigt oder gebastelt wird, die genau zu ihm paßt und in der er sich am besten und wirkungsvollsten entfalten kann.
Chronologisch und materiell gesehen ist der Mensch zwar am Schluß des universellen Entwicklungsprozeßes, geistig betrachtet aber am Anfang.
Oder anders gesagt: einem religiösen Menschen erscheint es vielleicht so, daß die Natur und Schöpfung ohne den Menschen überhaupt keinen Sinn ergeben würde, da sie für ihn und zu seinem Bilde gemacht wurde.
Der Mensch als (un-)qualifizierter Herr der Schöpfung
Diese Übereinstimmung mit der gesamten Natur ergibt sich schon aus einigen wissenschaftlich erforschten Tatsachen: alle natürlichen chemischen Elemente der Natur finden sich auch im Menschen; so wie der Mensch aus ca. 60 - 70 % Wasser besteht, wird die Erde von 2/3 Wasser bedeckt usw.
Die biblische Anweisung: Macht Euch die Erde untertan, weist auf das einzigartige Potential des Menschen hin, zu allen Bereichen der ihn umgebenden Welt in eine intensive Beziehung zu treten.
Sind wir aufgrund unserer körperlichen Beschaffenheit ans Land gebunden, gelang es uns mit Hilfe technischer Mittel, wie z. B. Flugzeug, Schiff oder U-Boot und nicht zuletzt auch durch Raumschiffe Lebensbereich zu erobern, für die wir an sich nicht prädestiniert sind.
Ich habe zuerst bewußt von Potential gesprochen, denn die Art und Weise wie diese Untertanmachung bisher vor sich gegangen ist und noch immer vor sich geht, hat mit der Absicht, in der dieses biblische Gebot gegeben wurde, sicherlich nichts gemein.
Jedes Jahr sterben Tier- und Pflanzenarten zu Dutzenden aus. Lebensräume bedrohter Tierarten werden mehr und mehr beschnitten; wir verpesten unsere Atemluft und unser Trinkwasser und der Mensch, der ca. 3x mehr Schadstoffe „ertragen" kann als Pflanzen und Bäume, wird immer mehr in Mitleidenschaft gezogen.
Das Grundübel besteht sicherlich darin, daß die soziale Ethik, die wir für menschliche Beziehungen als erstrebenswert erachten und die wir für uns reklamieren, auf die Beziehung zur natürlichen Umgebung zu wenig Anwendung findet - das Verständnis um gegenseitige Abhängigkeit, Interdependenz und Rücksichtnahme, Respekt, ein Win-Win Denken. Diese Werte werden zugunsten von Profitmaximierung und stetigem Wirtschaftswachstum negiert und geopfert.
Weisheit ist gefragt
Wenn wir über die Beherrschung der Natur oder Erde sprechen, wurde bisher sehr einseitig der intellektuelle, mechanische Aspekt betont also das Wissen um Naturgesetze und das Nutzbarmachen dieses Wissens zu unserem Vorteil - das Resultat ist in der Tat erstaunlich.
Das Wissen im naturwissenschaftlichen Bereich verdoppelt sich alle 4 Jahre.
Zum Aspekt der intellektuellen Herrschaft muß eine Ethik der Liebe und des Respekts dazukommen. Nicht Herrschaft durch Wissen und letztlich Gewalt sonder Herrschaft durch und mit Weisheit. Für mich verbindet der Begriff Weisheit die Elemente Liebe und Wissen.
Gerade wissenschaftliche Forschung macht uns deutlich, daß die Beziehung zu den Dingen keine rein mechanische ist.
Die Natur hat eine „Seele"
Schon vor 30 Jahren wurde in dem Bestseller „Das geheime Seelenleben der Pflanzen" überzeugend dargelegt, daß Gefühle wie Liebe oder auch Abneigung von seiten des Menschen von Pflanzen durchaus registriert werden und sie entsprechend reagieren.
Nicht erst seit Robert Redfords „Pferdeflüsterer" weiß man, daß die Beziehung zu Tieren von einer tiefen Emotionalität beherrscht sein kann.
Mit anderen Worten: sogar die sogenannte unbeseelte Welt scheint eín Bedürfnis nach Zuwendung und Zuneigung zu haben. Ihr dies vorzuenthalten ist ein Vertrauensbruch und ein Nichterfüllen unserer Position als Herr und Bewahrer dieser Schöpfung.
Könnte etwas an der Theorie dran sein, daß das gehäufte Auftreten von Naturkatastrophen ein Aufschrei, eine Abwehrreaktion der gedemütigten Kreatur ist?
Zeigt darüberhinaus der Umstand, daß der Mensch so stark davon in Mitleidenschaft gezogen wird, nicht, daß er bis jetzt unfähig war, die Stimme der Schöpfung zu hören, Gefahren zu erkennen und zu erspüren und ihnen vorzubeugen, wie wir es von Tieren kennen?
Unsere Grenzen sprengen
Die Probleme, denen wir uns heute in Bezug auf die Natur gegenübersehen, sind nicht intellektueller oder technologischer Art. Es ist zuallererst ein moralisches Problem. Ich bin überzeugt, daß in der Natur die Antworten auf unsere Fragen und für unsere Probleme liegen. Zum Beispiel wurde sehr viel in Forschungen investiert, die sich zum Ziel setzen, eine unerschöpfliche und vor allem sichere Energiequelle zu finden. Es ist meine persönliche Überzeugung, daß die Wissenschaft hier möglicherweise kurz vor einem Durchbruch steht. Die spannendere und wichtiger Frage ist aber: sind wir auf solch ein Geschenk, daß uns auch eine große Macht in die Hand geben würde moralisch vorbereitet? Könnten wir damit verantwortlich umgehen und vor allem sicherstellen, daß diese Art von Fortschritt allen zugute kommt. Am bisherigen technologischen und industriellen Wunder hat nämlich nur ein kleiner Teil der Menschheit teilhaben können. Wie wir es drehen oder wenden: wir kommen immer wieder auf die gleichen Punkte zurück. Wenn wir Menschen beginnen, einen reifen Charakter zu entwickeln, sprich die Herrschaft über uns selbst in einer korrekten und positiven Art und Weise ausüben, wird das, was wir in das Leben anderer, ob Mensch, Tier oder Pflanze, einbringen, diesen zum Vorteil gereichen, und die Entwicklung ihres Potentials fördern.
Wenn wir uns vor Augen halten, daß der Mensch nur einen ganz geringen Prozentsatz seines Potentials umzusetzen vermag, wird deutlich, welch grandioser Zukunft wir entgegengehen, wenn wir zu unserer eigentlichen Bestimmung erwachen und die Barrieren in uns, die uns in einer sehr mittelmäßigen Existenz gefangen halten, überwinden.