Keine Zeit, erwachsen zu werden?
Liebe braucht Zeit zum Wachsen. Reife ist mehr als "Bescheid wissen".
Statt einseitiger Sexualaufklärung
brauchen Jugendliche mehr Unterstützung beim Erwachsenwerden.
Blaulicht, Straßensperre - die Polizei stoppt einen Wagen, der durch
riskantes Fahrverhalten aufgefallen ist. Zur Überraschung der Beamten
ist der Lenker ein 14-jähriger Jugendlicher. Um unter den Klassenkameraden
als cool zu gelten, hat er den Autoschlüssel des elterlichen Fahrzeuges
an sich genommen und damit eine abendliche Spritztour unternommen. Wie
man Auto fährt, hat sich der junge Mann in einem realistischen Computerspiel
und durch "echtes" Ausprobieren auf einem Parkplatz angeeignet. Direkte
Folgen für den Jugendlichen: eine strenge Verwarnung und schließlich
Heimfahrt im "Blaulichttaxi". Die Eltern finden sich in einer äußerst
unangenehmen Lage wieder: Sie müssen für das Fehlverhalten ihres
Filius gerade stehen und bekommen eine empfindliche Geldstrafe aufgebrummt.
Fazit: Auch wenn diesmal nichts passiert ist, hätte die leichtfertige
Ausfahrt doch zu einem schweren Unfall mit Verletzten oder Toten führen
können. Jugendliche mit 14 werden also aus gutem Grund vom Gesetz
als nicht reif befunden, einen PKW zu lenken, auch wenn sie sich
noch so gut informiert und ausgebildet fühlen sollten. Dass auch viele
Erwachsene keine guten Autofahrer sind, ändert daran nichts.
So weit, so klar und allgemein akzeptiert. In einem anderen, derzeit
wieder heiß diskutierten Bereich, der alle Jugendlichen betrifft,
herrschen in Österreich und auch in anderen westlichen Gesellschaften
hingegen weder Klarheit noch Einigkeit: Bei den Themen Entwicklung der
Sexualität von Jugendlichen und Sexualerziehung gibt es zum Teil völlig
verschiedene Vorstellungen davon, was "Reife" ist. Eltern, die - wie vom
österreichischen Staat eindeutig anerkannt - die Hauptverantwortung
für die Sexualerziehung ihrer Kinder tragen, möchten daher mit
gutem Grund wissen, welche Vorstellungen und welches Menschenbild hinter
bestimmten Medien und Hilfsmitteln der schulischen Sexualerziehung steckt.
Sexualerziehung - Menschenbilder - Ideologien
Eine weit verbreitete Denkweise, die sich in diversen Sexualaufklärungsmaterialien,
wie etwa in der umstrittenen Broschüre des Sozial-
und Gesundheitsministeriums, niederschlägt, legt den Schwerpunkt
auf die körperliche Geschlechtsreife. Da diese heute aus verschiedenen
Gründen durchschnittlich wesentlich früher eintritt als noch
vor einigen Jahrzehnten, müsse man den Jugendlichen in erster Linie
Informationen und Handlungsanleitungen geben, damit sie das, was sie "ohnehin
tun" mit möglichst wenig Risiko einer frühen Schwangerschaft
oder einer Infektion mit AIDS oder anderen Geschlechtskrankheiten tun könnten.
Wenn Jugendliche mit einem oder - im Lauf der Zeit - mit mehreren Partnern
Sex haben, sei das eben "Einübung" und nicht unbedingt schädlich.
Ob etwas gut oder schlecht ist, wird dabei vom momentanen subjektiven Empfinden
der Jugendlichen bestimmt (z.B. ob man wirklich verliebt ist) - jedenfalls
scheint es auf den ersten Blick so. Der sogenannte "moralische Zeigefinger"
wird abgelehnt; von "Einmischung" und "Freiheitsbeschränkung" durch
die in solchen Dingen als eher hilflos angesehenen Eltern hält man
auch nicht viel. Da sollten die Jugendlichen doch lieber - meist ohne Wissen
der Eltern - zu diversen Beratungsstellen gehen.
Die in Österreich von den Medien am meisten beachtete Gegenposition
vertritt die katholische Kirche, vor allem in Person mancher Bischöfe.
Diese weisen darauf hin, dass moralische Grundsätze (und meinen damit
natürlich vor allem die katholische Morallehre) in Fragen der Sexualität
heute keineswegs obsolet seien, auch wenn sich viele Menschen (und auch
viele Katholiken) nicht daran halten. Das brandmarkt wieder die andere
Seite als "moralischen Zeigefinger" einer in Sexualfragen rückständigen
Institution, mit dem sie nichts zu tun haben will. Jugendlichen zu sagen,
dass man intime sexuelle Beziehungen besser erst als Erwachsener hat, der
in einer festen Partnerbeziehung - eigentlich "altmodischerweise" in einer
Ehe - lebt, kann in dieser Sicht nur einer unrealistischen, autoritären
Haltung entspringen. Sexuell abstinent zu leben, wird gleichgesetzt mit
Unterdrückung.
Doch auch aus den Reihen der Therapeuten und Berater gibt es heftige
Kritik an der libertinären, auf schnellen Genuss ausgerichteten Ideologie
hinter gewissen Aufklärungsmaterialien. So schreibt etwa der bekannte
Innsbrucker Kinder- und Jugendpsychologe Heinz Zangerle in seinem Kommentar
in der Tageszeitung "Die
Presse" (05.09.2002) über die Broschüre "LOVE, SEX und so":
"Die Sexual-'Moral' der Genuß- und Konsumorientierung wird konsequent
durch sämtliche Bereiche durchgezogen. Dabei werden die Sexualerfahrungen
von Kindern und Jugendlichen als Stationen des sexuellen Übungsparcours
für den Koitus dargestellt, denn 'dieseErfahrungen können dir
beim Miteinander-Schlafen helfen', damit - 'mit 14 oder mit 20" - nichts
schief gehen kann'. 'Das erste Mal miteinander schlafen' ist - so behauptet
die Broschüre - 'keine Frage des Alters'.... Sex erscheint in diesem
Zeitgeistdokument als banales Alltagsvergnügen und reines Entertainment.
Liebe, Beziehung, Treue, Keuschheit und andere Fragen einer (katholischen)
Moral sind bewußt ausgeklammert. Themen wie: Verzicht, Aufschub von
sexuellen Bedürfnissen bleiben unerwähnt."
"Sexuelle Freiheit" - Konformitätsdruck, Ideologie und Geschäft
Dass es bei der sogenannten sexuellen Freiheit vielfach mehr um sozialen
Konformitätsdruck, Ideologie oder auch um bloßes Geschäft
geht, räumen in letzter Zeit auch Vertreter der medizinisch-psychologisch
ausgerichteten Sexualpädagogik, die meist eher der erstgenannten Position
nahestehen, ein. In der Zusammenfassung
der Studie "Das erste Mal" der "Österreichischen Gesellschaft
für Familienplanung" (Weidinger, Kostenwein, Drunecky, November 2001),
in der Jugendliche über ihr Sexualverhalten befragt wurden, heißt
es etwa: "Der klare Vorsprung medialer Aufklärungsquellen (Zeitschriften,
Fernsehen, Pornos) und Gespräche innerhalb der peer group sollte jene
Personengruppen, die für die Sexualerziehung zuständig sind,
alarmieren. Die Darstellung von Sexualität in Medien und durch Pornographie
liefert ein völlig verzerrtes Bild, die gesamte Bandbreite der Gefühlswelt
wird ausblendet und geht völlig am real Erlebten vorbei. Jugendliche,
die noch gar keine oder sehr wenig Erfahrung in Liebesangelegenheiten haben,
werden dadurch verunsichert und verängstigt. Der Versuch, sich die
notwendigen Informationen aus der peer group - von Freunden - zu holen,
funktioniert bei den medial transportierten Idealvorstellungen vom erfüllten
Sexualleben nur schlecht. Das aus den Medien entnommene Bild der erwachsenen,
gefühllosen Sexualität, bei der eine schnelle Abfolge stereotypisierter
Sexualpraktiken im Vordergrund steht und wo z.B. Pizzaboten auf unbefriedigte
Hausfrauen treffen, ist oft genug Grundlage dessen, was vor der peer-group
als eigener Erfahrungsschatz präsentiert wird. Schließlich geht
es darum, dazuzugehören. Und diese Tendenz ist bei Jugendlichen in
den letzten Jahren anhaltend."
Die Schlussfolgerung aus dieser Diagnose ist jedoch nach wie vor, "more
of the same" (="mehr Aktivität von der gleichen Art"), nämlich
mehr und intensivere Sexualaufklärung, -erziehung und -beratung für
Jugendliche (im Wesentlichen durch die Schule und andere Institutionen)
sei notwendig. Das Menschenbild, das wesentlich zum Entstehen dieser gesellschaftlichen
Probleme beigetragen hat, wird nicht in Frage gestellt, obwohl ein bemerkenswertes
Ergebnis der Befragung war:
"Jugendliche stufen Treue als 'total wichtig'
innerhalb einer Beziehung ein. Diese Einstellung wird mit der durchwegs
hohen Zustimmung zur Aussage 'wenn ich betrogen würde, würde
ich mich sofort trennen' nochmals untermauert und macht augenscheinlich,
wie hoch der moralische Anspruch an eine Beziehung ist."
Abstinenz-Projekte berücksichtigen die idealistische Grundhaltung
und die moralischen Ansprüche Jugendlicher
Jugendliche haben also ursprünglich hohe Ideale und - siehe
da! - "moralische Ansprüche" an Beziehungen! Doch wer hat den Mut,
sich gemeinsam mit den Jugendlichen auf diese wirklichen Grundfragen einzulassen,
ohne deren Beantwortung Sexualerziehung völlig aus dem eigentlichen
Zusammenhang gerissen ist? Wer Moral
nur als eine Aneinanderreihung unbegründeter Ge- und Verbote sieht,
hat davon wenig verstanden. Auch Vertreter der (christlichen) Morallehre
sind nicht unbeteiligt daran, dass Jugendliche oft ein derartiges Bild
von Moral haben und sich dann aus diversen "Restbeständen" eine Art
Privat-Moral basteln, die sie aber nicht mit dem verpönten Wort "Moral"
bezeichnen würden. Doch stabile Beziehungen brauchen auch gemeinsame
Werte und Moralvorstellungen; die Privatmoral des Einzelnen reicht da nicht
aus.
Es gibt alternative Konzepte der Sexualerziehung, die der idealistischen
Grundhaltung Jugendlicher und deren Bereitschaft, sich auf ethisch-moralische
Fragen einzulassen, Rechnung tragen und Reife nicht in erster Linie als
Produkt körperlicher Sexualreife und anwendungsbezogenem Wissen definieren.
Vor allem in den USA wurden verschiedene Ansätze entwickelt, die für
Jugendliche den Aufschub intimer Sexualkontakte bis zum Erwachsenenalter
beziehungsweise bis zum Eingehen einer auf Dauer angelegen festen (Ehe-)Beziehung
attraktiv machen wollen. In Westeuropa wird diese Bewegung (zum Teil aus
ideologischen Gründen, zum Teil aus Unwissenheit), die hier zumindest
im religiös-christlichen Bereich schon Fuß gefasst hat,
häufig als Ergebnis einer moralinsauren Verbotsethik verunglimpft.
Dass sich Pop-Stars oder etwa eine Miss America selbstbewusst in aller
Öffentlichkeit zu dieser Haltung bekennen, führt auch in Amerika
immer wieder zu heftigen Reaktionen der Gegner, stößt aber in
den westeuropäischen Medien nach wie vor meist auf blankes Unverständnis.
Die Zugänge der verschiedenen so genannten Abstinenzprojekte sind
durchaus verschieden, manche sind rein christlich orientiert, andere neutral,
einige arbeiten vor allem mit Informationsvermittlung. Ihre Effektivität
(im herkömmlichen Sinn zum Beispiel Reduzierung der Zahl der Teenager-Schwangerschaften
und der AIDS-Infektionsrate unter Jugendlichen) ist manchmal hoch, manchmal
weniger hoch (das hängt natürlich auch vom kulturellen und sozialen
Umfeld ab). Doch geht es dabei eigentlich um weit mehr als um bloße
Schwangerschafts- und AIDS-Vorbeugung - es geht dabei um die Entwicklung
der Persönlichkeit und der reifen Beziehungsfähigkeit. Genau
daran mangelt es vielen Jugendlichen viel mehr als an sexuellem Wissen.
"Free Teens" und die "Fünf Sterne-Sexualität" - ein
Projekt zur ganzheitlichen Sexualerziehung
Ein bemerkenswertes Projekt, das in seiner Art durchaus dazu geeeignet
wäre, es auch für die Umsetzung in europäischen Ländern
zu adaptieren, ist "Free
Teens", das vor zehn Jahren von Richard Panzer initiiert wurde und
keine bestimmten religiösen Glaubensinhalte voraussetzt. Wie schon
der Name ("freie Teenager") sagt, will es den Jugendlichen die befreiende
Wirkung des "Nein-Sagens" zu verfrühter sexueller Aktivität bewusst
machen. Das Programm warnt zwar ebenso wie andere vor dem falschen Sicherheitsgefühl,
das den Jugendlichen im Bezug auf Schwangerschaftsverhütung und AIDS-Vorsorge
vielfach vermittelt wird, stellt diesen "Angst-Faktor" jedoch nicht in
den Mittelpunkt, sondern die Vorteile des "Wartens".Verschiedene
Denkanstöße,
Diskussionen und Aktivitäten helfen dabei den den Jugendlichen,
sich bewusst zu machen, welche Entwicklungsschritte der eigenen Persönlichkeit
und einer Beziehung eigentlich notwendig sind, damit das Ideal einer geglückten
Partnerschaft, das alle irgendwie in sich tragen, nicht nur ein Traum bleibt,
sondern Wirklichkeit werden kann. Der körperlich-sexuelle Aspekt ist
dabei zwar ein wichtiger, aber eben nur einer von mehreren entscheidenenden
Aspekten, der auch nur in diesem Zusammenhang wirklich sinnvoll und befriedigend
ist.
In einem Vortrag für Jugendliche nennt Richard Panzer diese ganzheitliche
Sicht der Sexualität in Anspielung auf ein gängiges Hotel-Qualitätssiegel
"Fünf Sterne-Sexualität".
"Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass eine ausgereifte,
vollständige Sexualität fünf Teile einschließt, nicht
nur den körperlichen physischen Teil:
-
Der Intellekt - ist beteiligt an der Gesprächsführung
mit dem Partner, um dessen Pläne und Träume, Gedanken, Hoffnungen,
Ansichten, Lebensanschauung, Humor usw. kennenzulernen.
-
Die emotionale Kapazität - ist beteiligt am Austausch
von Gefühlen, des Herzens, der Besorgtheit um das anhaltende Wohl
des Partners oder der Partnerin.
-
Der soziale Aspekt - ermöglicht uns die Familie des
anderen kennen zu lernen. Durch die sexuelle Verbindung, die die Fähigkeit
hat neues Leben hervorzubringen und eine neue Familie, die mit den beiden
Vorfahrenfamilien verbunden ist - der Familie des Vaters und der Herkunftsfamilie
der Mutter.
-
Die moralisch-spirituelle Komponente - Alle Aktivitäten
folgen einer Motivation, die mehr oder weniger selbstlos, manchmal auch
selbstzentriert ist. Sie hat zu tun mit selbstlosem Geben, dienen, sich
für die Geliebten zu opfern. Vollständige Sexualität basiert
auf gegenseitiger Fürsorge und Hingabe; das Wohl des anderen ist wichtiger
als die Erfüllung eigener Sehnsüchte. Das hat immer mit der moralischen
Komponente zu tun. Das schließt auch die Glaubenskomponente über
die Bedeutung der Ausdruckswelt der Sexualität mit ein.
-
Die Körperlichkeit - bezieht sich auf die sexuelle
Anziehung zwischen einem herangereiften Mann und seiner herangereiften
Frau mit der Möglichkeit ein Kind zu schaffen, beinhaltet aber auch
mögliche negative Folgen, wenn sie nicht in einer verlässlichen,
lebenslangen Ehegemeinschaft von Menschen gründet, die sich gut auf
diese Beziehung vorbereitet haben." (Richard Pnzer: "Fünf
Sterne-Sexualität", deutsche Übersetzung)
Den "Analphabetismus des Herzens" überwinden, die "Kunst
des Liebens" lernen
Zentral für die motivierende Kraft solcher Projekte ist es, wie
sehr sie das Selbstwertgefühl (das Gefühl für den Wert der
eigenen Person und des eigenen Lebens) und den Respekt vor dem Wert des
Lebens Anderer (im Speziellen das des Gegenübers vom anderen Geschlecht)
stimulieren können. Wer in sich selbst und in dem möglichen Partner
(der möglichen Partnerin) den höchstmöglichen Wert sieht,
muss sich und eine Beziehung nicht durch rasches Niederreißen aller
Schranken bestätigen, sondern wird eher das längerfristige Wohl
beider im Auge haben. Wichtiger als Wissenslücken im Bereich der körperlichen Sexualität
zu schließen (was natürlich auch seine Berechtigung hat), ist
es, den "Analphabetismus des Herzens" zu überwinden. Was vielen Jugendlichen,
ebenso wie zahlreichen Erwachsenen fehlt, ist weniger die "Technik" des
und das Bescheidwissen über Sex, sondern - wie es der berühmte
Sozialpsychologe Erich Fromm genannt hat - die ganzheitliche "Kunst des
Liebens", die menschliche Reife voraussetzt.
Friedrich Moshammer
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