Pubertät als Achterbahn der Gefühle
Eine Herausforderung für Jugendliche und Eltern
Lass mich los, ohne mich fallen zu lassen!
Zwei Schülerinnen einer 8. Klasse: "Genießt es ein
Teenie zu sein! Zwar ist dies mit vielen Schmerzen verbunden,
wie zum Beispiel einer Abfuhr deines Schwarmes, weil ihm/ihr
der Pickel auf deiner Nase zu groß war. Oder deine Eltern
lassen dich nicht zur wichtigsten Party des Jahres gehen, weil
ihnen deine Klamotten zu schrill sind. Aber auch viele lustige
bis peinliche Dinge müssen durchlebt werden, ehe du 20 Jahre
alt und somit kein Teenie mehr bist!"
Die Phase des Erwachsenwerdens stellt Jugendliche und Eltern
gleichermaßen auf die Probe. Für die Jugendlichen,
ob nun Bub oder Mädchen, geht es darum, ihr eigenes Selbst
zu finden, den körperlichen Wachstumsschub zu verkraften
und mit ihren Gefühlen und Gedanken zurechtzukommen.
Die Eltern sind gefordert, ihr Kind loszulassen, es mit einem
offenen Herzen zu begleiten, wo nötig Grenzen zu setzen.
Sie sind plötzlich mit völlig neuen Reaktionen ihrer
Kinder konfrontiert: "Meine Tochter weigert sich mit uns
zu essen. Wir schmatzen ihr zu laut." "Die Unordnung
im Zimmer meines Sohnes ist unerträglich." "Meine
Tochter ist auf einmal frech wie ein Rohrspatz."
Was die Eltern tun können
Der Familientherapeut Christian Wolf aus Darmstadt rät,
sich an die Zeit der eigenen Pubertät zu erinnern. Wichtig
sei es, die Kinder so zu nehmen, wie sie sind. Verständnis
für die Wachstumssituation des Kindes bedeutet jedoch nicht
Einverständnis mit jeder Torheit des Jugendlichen.
Es hilft, zu versuchen, mit den Kindern klare Abmachungen zu
treffen. Regeln vorzugeben, die sie einsehen können.
Dabei geht es oft um sehr praktische Dinge. "Wann soll ich
am Abend zu Hause sein? Ich will anziehen was mir paßt.
Meine Haarfarbe geht nur mich etwas an. Ich suche mir meine Freunde
selbst aus." Das sind nur einige Äußerungen,
die Jugendliche von sich geben.
In der Pubertät kommt der Bekleidung eine besondere Bedeutung
zu. Sie drückt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten
Gruppe aus und hilft dabei, sich abzugrenzen.
In einer Studie der Johannes Kepler Universität in Linz
heißt es zum Beispiel über das Selbständigkeitsstreben
der Buben: "Der Jugendliche versucht, sich von Gewohnheiten
und Konventionen zu lösen, denen er sich bis dahin gefügt
hat. Das Waschen wird unbeliebt, Pünktlichkeit zum Problem,
Ordnung scheint ein Fremdwort zu sein."
Neu vertrauen
Der Bub oder das Mädchen, das in die Pubertät kommt,
schwankt zwischen dem Drang, sich auf eigene Beine zu stellen,
sich von den Eltern zu lösen und dem Bedürfnis, die
Geborgenheit der Familie nicht ganz zu verlieren.
Die Eltern können ihren Kindern am meisten helfen, wenn
sie sie immer wieder annehmen, auch wenn sich diese schwierig
verhalten.
Das Vertrauen der Eltern ihren Kindern gegenüber wird zu
einem wichtigen Element in der Beziehung. Selbst wenn die Kinder
das Vertrauen einmal enttäuschen, ist neuerliches Vertrauen
seitens der Eltern gefragt.
Würden die Eltern ihren Kindern zunehmend mißtrauen,
entstünde ein negativer Kreislauf, der nur schwer zu durchbrechen
ist.
Bei den Eltern spielen aber auch Ängste eine Rolle, die
oft nicht bewußt sind. Dieses Thema hat der Wiener Kinder-
und Jugendpsychiater Max H. Friedrich untersucht: "Die heftigen
Reaktionen der Eltern während des Jugendlichenalters hängen
wohl einerseits mit der Angst zusammen, ihr Kind könnte
die eine oder andere nichtkonforme Verhaltensweise beibehalten,
und andererseits mit der Rückwirkung auf die Erwachsenen
selbst: Wie stehen wir dann da? Von uns kann das Kind dies aber
nicht haben!"
Die Sexualität entdecken
Die körperliche Reife erreichen und die geistige Liebesfähigkeit
entwickeln, diese beiden Prozesse verlangen jedem Jugendlichen
sehr viel ab. Dies ist ein Bereich, den die Eltern nur sehr indirekt
beeinflußen können.
Wenn die romantische Liebe zum anderen Geschlecht entflammt,
ist mit rationalen Argumenten recht wenig auszurichten. Hier
müssen die Weichen schon viel früher gestellt werden.
Eltern, die einander im Alltag liebevoll begegnen, geben ein
gutes Vorbild ab. Eine Form der Aufklärung, die die positiven
Seiten der Sexualität für dauerndes Glück miteinbezieht,
ist wertvoll. Das Verständnis, daß Liebe mehr ist
als Sex und eine geistige Komponente enthält, die Vertrauen,
Treue und Aufrichtigkeit miteinschließt, gibt Orientierung
in der Sturm und Drang-Zeit.
Mit Gott kommunizieren
Auf die Frage: "Was verbindest Du mit Gott?", meinte
eine Zwölfjährige: "Er ist der Schöpfer."
"Und was bedeutet Gebet?" "Mit Gott kommunizieren!"
Unabhängig von der religiösen Konfession ist jederJugendliche
in der Pubertät verstärkt mit der Frage nach dem Sinn
und Ziel seines Lebens konfrontiert. Das ist ein wesentliches
Element auf dem Weg, das eigene Selbst zu finden. Die Ausgangssituation
für die Entwicklung einer Beziehung zu Gott ist dabei recht
unterschiedlich.
Jugendliche, die aus einem religiösen Elternhaus kommen,
durchlaufen eine Situation, wo sie gefordert sind, über
die bis dahin erworbene kindliche Religiosität hinauszugehen.
Manche finden zu einer reifen, persönlichen Beziehung zu
Gott, entwickeln ein gesundes Selbstbewußtsein, das gepaart
ist mit der Achtung vor dem Leben und der Fähigkeit, liebevoll
auf andere Menschen zuzugehen.
Andere Jugendliche werfen ihre kindliche Religiosität ab
und finden keinen neuen Zugang zu Gott. Es gibt aber auch Jugendliche,
die aus einem religiös neutralen oder sogar atheistischen
Elternhaus kommen und trotzdem in sich sehr stark nach Sinn und
Ziel ihres Lebens suchen. Wieder andere haben weder ein religiöses
Elternhaus, noch finden sie in der Pubertät einen tieferen
Zugang zum Ursprung ihres eigentlichen Wesens.
Für die Eltern gilt, daß sie durch eine gelebte Religiosität,
im Sinne von liebevollem Alltag in den sozialen Beziehungen und
einem natürlichen Gottvertrauen, ihren Kindern viel an Unterstützung
für ihren persönlichen Weg mitgeben können. Ist
die Religiosität der Eltern zu sehr an Formen oder reinen
Verhaltensregeln orientiert, oder an übersteigertem Pflichtbewußtsein,
besteht eine erhöhte Gefahr, daß die Jugendlichen
in der Pubertät die Vorgaben ihrer Eltern als Korsett empfinden,
das sie früher oder später sprengen oder über
Bord werfen.
Eine tragfähige und erfüllende Beziehung zu Gott zu
finden, eröffnet jedem Menschen eine umfassende Dimension
Liebe zu empfangen und Liebe zu geben. Sie hilft auch dem Jugendlichen
zu seiner eigenen Bestimmung zu finden und sein Leben erfolgreich
in die eigenen Hände zu nehmen. Sie bildet einen vertikalen
Anker, der die Herausforderungen des Lebensschicksals meistern
hilft, und ein erfüllendes Leben erst möglich macht.
Karl Ebinger
Literatur:
Barbara Mackoff, Was wollen die Mädchen? 7 Strategien
zur Erziehung starker und selbstbewußter Töchter,
BELTZ Verlag, 1998
Thomas Gordon, Familienkonferenz, Heyne Verlag, 1989
Jan-Uwe Rogge, Pubertät - Loslassen und Haltgeben,
Rowohlt, 1998
Cornelia Nitsch, Die klassischen Erziehungsfallen, Mosaik
Verlag, 1996
Max H. Friedrich, Irrgarten Pubertät - Elternängste,
DVA, 1999
|